Johan Harstad: Buzz Aldrin, hvor ble av deg i alt mylderet?

ALTERNATIV IN JEDER HINSICHT


Es ist die kuriose, verspielte und poetische Geschichte eines schüchternen jungen Gärtners aus Stavanger: In dem Moment, als Buzz Aldrin am 11. Juli 1969 als zweiter Mann den Mond betritt, erblickt Mattias das Licht der Welt. Natürlich verbindet so etwas. Und wie Aldrin ist Mattias seither bei allem der zweite Mann gewesen, der unsichtbare Zweite hinter einem Ersten. Daran war für ihn nichts auszusetzen. Bis seine Freundin Helle ihm den Laufpaß gibt und Mattias auch noch seinen Job verliert. Mattias wird aus seiner Umlaufbahn gerissen, und das Leben schleudert ihn bis auf die Färöerinseln. Der Plan ist, eine Woche mit Jörns Band dortzubleiben. Doch auf den ­Färöerinseln sieht plötzlich alles ganz anders aus.


Es geht darum was passiert, wenn dein Alltagsleben plötzlich aus den Fugen gerät, ob man wirklich so leben kann "ohne gesehen zu werden" und was man von seinem Leben wirklich will und erwartet. Das Buch ist in jeder Hinsicht alternativ - mit den Färöerinseln ein ungewöhnlicher Schauplatz, mit der nach-psychiatrischen-Anstalt Wohngemeinschaft ungewöhliche Charaktere und insgesamt eine ungewöhnliche Handlung. Ich fand es aber zu keiner Zeit unglaubwürdig; und das ist die eigentliche große Leistung, die es als außergewöhnlich gutes Buch qualifiziert.


(dt. Ausgabe: Buzz Aldrin wo warst du in all dem Durcheinander, Piper Verlag)

José Saramago: Die Stadt der Sehenden

POLITISCHES DOMINO

Bei einer politischen Wahl erhalten die Politiker eines namenlosen westlichen Landes eine schallende Ohrfeige: Fast alle abgegebenen Stimmzettel sind weiß! Entrüstet schlagen sie mit aller Kraft zurück: Der Ausnahmezustand wird verhängt, eine Mauer um die Stadt gezogen und schließlich jegliche behördliche Gewalt aus der Stadt abgezogen. Doch die Menschen arrangieren sich damit hervorragend und leben friedlich wie bisher. Die missachtete Staatsmacht muss also zu drastischeren Maßnahmen greifen.


In keiner Weise hatte ich eine Fortsetzung von "Die Stadt der Blinden" erhofft und erwartet. Die Idee ist aber ähnlich brilliant und absurd/hypothetisch: Was passiert wenn sich die Bürger einer Stadt entscheiden, "weiß" zu wählen? Zu welchen Maßnahmen wird der Staat greifen um seine Macht und Integrität zu sichern? Die Handlung in diesem Buch ist erschreckend und doch nah an die Wahrheit angelehnt zugleich, so dass mir schon kalte Schauer den Rücken hinunterliefen. Es ist die Kunst eines Saramago, das Unvermittelbare mit Worten zum Greifen nah zu bringen und eine unbeschreibliche Stimmung zu schaffen - das gelingt ihm mit diesem Buch für meinen Geschmack nicht so ausgezeichnet wie mit anderen, aber immer noch gut genug.

Anne B. Ragde: Berlinerpoplene

NORWEGISCHE MOMENTE


Da Anna Neshov får hjerneslag og blir liggende for døden samles familien for første gang på mange år. Følelser man trodde var begravd og borte for lengst blusser opp igjen og nye følelser dukker opp når mørke hemmeligheter blir avslørt. Dette er den første boka om familien Neshov.Da Anna Neshov får hjerneslag og blir liggende for døden samles familien for første gang på mange år. Følelser man trodde var begravd og borte for lengst blusser opp igjen og nye følelser dukker opp når mørke hemmeligheter blir avslørt. Dette er den første boka om familien Neshov.


Der Hintergrund des Erfolges diese Buches ist recht einfach aber doch überraschend - am lokalen Theater in Trondheim spielte man ein Stück zu dem man das Buch als Vorlage benutzte. Dieses war so erfolgreich dass es immer eine große Nachfrage gab und es regelmäßig auf dem Spielplan stand - ein echter Kassenschlager. Das norwegische Fernsehen machte eine ganze Serie daraus, und die Popularität kannte keine Grenzen mehr.


So ist das Leben in Norwegen - allgegenwärtige Kontraste zwischen Tradition und Moderne, den althergebrachten Lebensweisen der älteren und den "alternativen" der jüngeren Generation, versteckte Konflikte und Geheimnisse in der Familie, das Miteinander und doch Nebeneinanderleben, und doch Familienbande die alles zusammenhalten. Eine gelungene Geschichte über die "durchschnittliche" Familie, die sich als doch nicht so durchschnittlich entpuppt. Der Schauplatz trägt ein übriges zur Stimmung bei - natürlich fühle ich mich beim Stichwort Trondheim sofort zu Hause. Teilweise makaber aber doch nüchtern wird man in den Sog der Ereignisse gerissen und findet sich bald mit der (bestätigten) Erkenntnis wieder, dass hinter wortkargen wettererprobten Seelen doch mehr steckt als nur der weiche Kern - stille Wasser sind nun mal bekanntlich tief und schmutzig ...


(dt. Ausgabe: "Das Lügenhaus" )

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

FÜR FRANKOPHILE


Eigentlich war dieses Buch nicht für mich bestimmt - bei einem meiner Ausflüge in den Buchladen hatte ich mir ein anderes gegriffen und wollte meinen Göttergatten ebenfalls zu Lesen animieren, indem ich ihn aufforderte sich doch ebenfalls ein Buch auszusuchen und er sich dieses herauspickte. Die Beschreibung las sich ganz interessant, so dass ich mir auch dieses Buch "einverleibte".


Ein zarte philosophische Geschichte mit vielleicht etwas seltsamen aber liebenswürdigen Charakteren die sich durch ihre ignorante Umwelt bewegen und doch in ihrem eigenen Universum zu Hause sind ... Zugegeben, manche Gedankengänge und Verweise auf die großen Philosophen waren mir etwas zu dick aufgetragen und rochen nach zur Schau gestellter Universitätsschläue. Mit der Liebe zu schrulligen Details der Hauptpersonen, makaber anmutender Komik und kleinen Stichen auf die wohlhabenden Schichten sowie die französische Eßkultur wurde dieses kleine Manko aber wieder wettgemacht. Insgesamt eine gelungene Komposition welches etwas anderes Lesevergnügen bereitet.
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Haruki Murakami: Kafka am Strand

SCHWERMÜTIGE TRAUMWELTEN


Ein hochgelobtes Buch ist es, und deswegen wollte ich es lesen - ganz abgesehen davon, dass der Titel neugierig macht. Meine erste Geschichte von Kafka hab ich mit vierzehn gelesen - "Die Verwandlung" macht nicht gerade Lust auf mehr bei pubertierenden Teens, aber ich mochte Kafka doch sehr, vielleicht doch in Einklang mit meiner melancholischen Ader. So dachte ich mir, vielleicht ist dieses Buch eine kafkaeske Erzählung die in Japan spielt, und für meine Begriffe traf das auch den Punkt.


-"Als mein fünfzehnter Geburtstag gekommen war, ging ich von zu Hause Kafka am Strandfort, um in einer fernen, fremden Stadt in einem Winkel einer kleinen Bibliothek zu leben. Wenn ich alles der Reihe nach erzähle, brauche ich dafür wahrscheinlich eine Woche. Wenn ich stattdessen zunächst nur die wichtigen Punkte aufführe, dauert es ungefähr genauso lange. Das klingt vielleicht wie der Beginn eines Märchens. Aber es ist kein Märchen. In keinem Sinne." Der Erzähler dieser Zeilen heißt Kafka Tamura und seine Reise führt in Wirklichkeit aus der realen Welt hinaus in sein eigenes Inneres, entlang an den Ufern des Bewusstseins. Eine schicksalhafte Prophezeiung, der Geschichte von Ödipus gleich, lenkt Kafkas labyrinthischen Weg. "Kafka am Strand" heißt das Bild an der Wand von Saeki, der rätselhaften Leiterin jener kleinen Bibliothek. Und "Kafka am Strand" heißt auch der Song aus der Zeit, als Saeki noch Pianistin war und einen jungen Mann leidenschaftlich liebte, sie waren ein Paar wie Romeo und Julia. Die Wege des Erzählers Kafka kreuzen sich auf geheimnisvolle Weise mit den ihren und denen eines alten Mannes, der die Sprache der Katzen versteht und Spuren folgt, die in eine andere Welt weisen.-


Wer ein Freund klarer roter Fäden ist, wird an diesem Buch nicht wirklich Freude finden - selbst ich fand es manchmal so verwirrend dass ich es am liebsten aus der Hand gelegt hätte. Es gibt keine schlüssiges Ende, ich fühlte mich eher als hätte ich die ganze Zeit halbwach vor mich hingedämmert und absurde Träume gehabt als ich fertig war - aber das war sicher der Sinn und Zweck, schließlich gibt es genug "wache" Bücher.